BLICK INS GESCHICHTSBUCH DER BQG SPORT FÜR BERLIN

 Im Zusammenhang mit dieser Strukturveränderung im LSB Berlin führten wir mit Manfred Nippe, der auch als Geschäftsführer der BQG Sport für Berlin fungiert, das nachfolgende Interview:

Wie kam es zur Gründung der gemeinnützigen Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft SPORT FÜR BERLIN ?

Manfred Nippe: Es war im Herbst 1991. Es gab damals über 300 auf dem Gebiet des Sports tätige Mitarbeiter im Ostteil der Stadt, die in ABM-Projekten tätig waren. Sie kamen aus dem DTSB, dem Staatssekretariat, aus den Sportclubs und Betriebssportgemeinschaften. 300 von vielleicht ehemals 3000. Ich weiß es nicht genau, wie viele Hauptamtliche es im Ostberliner Sport gegeben hat. Der Landessportbund als Dachverband fühlte sich für diese Beschäftigten verantwortlich. Doch wir mussten auch mit dem Wegbrechen dieser ABM rechnen. Mit der GmbH wurde deshalb neben den Beschäftigungs- und Weiterbildungsaufgaben also auch eine Art "Auffanggesellschaft" gegründet für arbeitslose Sportlehrer, Trainer und Verwaltungskräfte des früheren DDR-Sports. Einige dieser Experten wollten wir einbinden in den "Vereinsaufbau Ost", für den Kinder- und Jugendsport sowie den Freizeit- und Breitensport. So war die Gründung einer BQG für den Sport logisch und konsequent.

Wer waren „WIR", um es zu personifizieren?

Manfred Nippe: Es waren drei Personen, die im LSB die Idee entwickelt hatten und mit Klaus Rozga, Manfred Stelse und mir auch die ersten drei ehrenamtlichen Geschäftsführer stellten. Klaus Rozga verstarb und seitdem machen wir es zu zweit. Alleiniger Gesellschafter der GmbH ist der Landessportbund.

Welche neuen Denkansätze gibt es für das gegenwärtige und künftige Wirken der BQG? Wohin entwickelt sich SPORT FÜR BERLIN?

Manfred Nippe: Zielrichtung ist eine gesunde Vereinsentwicklung in beiden Teilen Berlins, in denen gleichmäßig der Leistungs-, Breiten-, Freizeit- und Trendsport gefördert wird, in denen soziale Aufgaben wahrgenommen und Ehrenamtliche unterstützt und damit für eine Weiterarbeit motiviert werden. Die Aufgaben der BQG sind mittlerweile auf den Westteil der Stadt übergeschwappt. Seit 1996 sind zum Beispiel die Projekte des VSJ, des Vereins für Sport und Jugendsozialarbeit, hinzugekommen, vor allem die Sportjugendclubs und Mädchenzentren, so dass ein Schwerpunkt im sportsozialen und präventiven Bereich liegt. Integriert ist für alle Mitarbeiter der BQG eine betriebsinterne Weiterbildung, um ihnen den Absprung in den ersten Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Damit hat die BQG eine Entwicklung eingeschlagen, die 1991 noch nicht abzusehen war?

Manfred Nippe: Am Anfang stand das Auffangen von sportbegeisterten und gut ausgebildeten Fachkräften im Ostteil der Stadt durch Maßnahmen der Arbeitsförderung. Die Gründung von ABM-Projekten durch inzwischen demokratisch gegründete und juristisch eingetragene Vereine kam später hinzu. Es gab allerdings auch dubiose Vereinsgründungen und ABM -Projekte durch "Ehemalige" des DDR-Sports, wir nannten sie "rote Socken-Kartelle", die unabhängig vom LSB als neuem Dachverband agierten und zum Teil erst jetzt bei uns um Unterstützung bitten, nachdem die Arbeitsämter ihre Anträge 'kritischer' prüfen und vor allem weitaus weniger Geld als vorher dafür bereitstellen. Aber Schwamm drüber, wir schauen alle nach vorn.

Gibt die BQG mit ihren Förderungen einen Hinweis zu den Veränderungen und Entwicklungen des Sports in Berlin?

Manfred Nippe: Natürlich. Zum Beispiel in den Trendsportarten wie dem Inlineskating, dem Streetball, den vielen Formen des Tanzens und der Gymnastik. Und, und, und... Wenn man den Lebensbaum Berlins sieht, werden einem die verstärkten Anforderungen an den Seniorensport klar, die von den Vereinen noch zu erfüllen sind. Die in den Vereinen Sport-Treibenden werden also zukünftig immer älter, was finanziell auch gesundheitspolitische Aspekte hat.

... aber ein Problem bei den Geldgebern der BQG ist, dass sie kein Interesse für die Unterstützung des Seniorensports zeigen.

Manfred Nippe: Die Arbeitsämter sind gegenüber dem Sport sowieso etwas distanziert, weil sie natürlich feststellen, dass sich die ABM oder SAM-Arbeitnehmer oft im Kreis bewegen, indem sie auf dem zweiten Arbeitsmarkt stehen bleiben und sich von einem Projekt zum anderen hangeln. Einige Vermittler in den Arbeitsämtern zählen die Trainer und Sportpädagogen zu einer Berufsgruppe, die auf dem Markt gar nicht mehr benötigt wird. Vermittelt werden Langzeitarbeitslose über 50 mit einfachen kaufmännischen Kenntnissen aus früheren Kombinaten oder in Liquidation gegangenen Großbetrieben. Auch gibt es die Anweisung, nicht mehr nach 18 Uhr arbeiten zu dürfen, also konträr zur üblichen Vereinsarbeit in den Abendstunden. Dadurch wurden und werden leider immer mehr ABM- und SAM-Tätigkeiten in den Bereiches des Sports gekillt.

Aber es kann doch nicht sein, dass die BQG SPORT FÜR BERLIN, das Wort Sport sei besonders betont, künftig abgehalfterte Buchhalter aufnimmt und beschäftigt?

Manfred Nippe: Ich meine, dass qualifizierte Arbeitskräfte in Sportberufen benötigt werden, aber Ungelernte, die gegen Gehalt angestellt werden, den Ehrenamtlichen im Sport die Arbeit wegnehmen. In den Vereinen wird ja eine Tätigkeit als Kassenwart oder in der Geschäftsführung grundsätzlich ehrenamtlich ausgeübt. Es gibt nur ganz wenige Großsportvereine, die aus ihren Mitgliedsbeiträgen hauptamtliche Mitarbeiter finanzieren können. Eigentlich können wir die Ungelernten bei SPORT FÜR BERLIN nicht gebrauchen, nach der Devise, hier hast Du eine Harke, nun bring mal den Tennisplatz in Ordnung. Das können wir ihnen nicht zumuten und wollen es auch nicht. Wir brauchen Mitarbeiter, die sportliche und pädagogische Qualifikationen haben und sozialen Aufgaben aufgeschlossen gegenüber stehen.

Der Sport und im speziellen der Sport für Berlin hat viele Fachkräfte wie Pädagogen auch an andere Berufsgruppen abgegeben. Unwiderruflich?

Manfred Nippe: Leider stimmt das. Viele von den eingangs erwähnten 3000 haben einen Copyshop aufgemacht, sind zu Versicherungen gegangen oder sind in anderen Bundesländer oder gar im Ausland im Sport tätig. Ich kenne ´zig Leute vom DTSB und aus dem Staatssekretariat, die dorthin abgewandert sind und dort seitdem gutes Geld gemacht haben. Für den Berliner Sport allgemein ist das sehr bedauerlich.

Zu einem anderen Thema und Sorgenkind der Gesellschaft. Alle schieben das Problem Bewegungsarmut der Kinder weg. Kaum einer möchte es anpacken. Nun die Idee und das Engagement, es in der Sportjugend und bei Sport für Berlin anzupacken. Purzelsport heiß es bei SPORT FÜR BERLIN

Manfred Nippe: Ich habe mich seit meiner Tätigkeit 1967 beim Berliner Turner-Bund dieses Elementarbereichen angenommen, damals zusammen mit der früheren Frauenwartin des LSB, Frau Wolff. Anfang der siebziger Jahre habe ich unter dem Slogan "Langes Sitzen macht nicht klüger, Kinder brauchen Bewegung" auf Grund der Warnungen der Kinderärzte die Bewegungserziehung in Programmen immer wieder umgesetzt - mit Modellmaßnahmen, Tagungen, Kongressen, Forschungsprojekten in Kindertagesstätten. Das Hauptproblem ist, daß die in den Kitas hauptberuflich tätigen Erzieher im Bereich des Sports nicht ausgebildet oder qualifiziert werden. Die Sportjugend macht das für sie seit zwanzig Jahren. Derzeit gibt es für diese Weiterbildung einen Riesenandrang. Es gibt mehr Anmeldungen als freie Plätze an unserer Bildungseinrichtung.

Es gibt dazu ein tolles Plakat der Sportjugend mit "olympischen Kängeruhs"?

Manfred Nippe: Die "Känguruhs" waren eine hübsche PR-Idee unserer Verantwortlichen für die Aktion "Kleine kommen ganz groß raus!" Die Ursprünge liegen jedoch nicht bei der Sportjugend. Sie liegen bereits in den dreißiger Jahren bei Hermann Ohnesorge und der deutschen Turnerschaft. Er war Dozent an der Deutschen Turnschule. Aber Ursprünge lagen auch im Arbeitersport bei Georg Benedix, der ja in der DDR auch nach dem Kriege noch tätig war. Eigentlich sind aber die ganzen Kinderprogramme Ergebnisse der zwanziger Jahre, bei den Kinderrepubliken, bei den Falken,  bei Kinderland, bei Mutter und Kind.

Projekte wie Purzelsport kann man ja nur erfolgreich anpacken und umsetzen, wenn man dazu die entsprechenden Fachleute hat?

Manfred Nippe: Die Finanzen sind eigentlich nebensächlich, weil die Eltern ja in der Regel die Honorare für die Übungsleiter tragen. Diese Projekte sind kostendeckend. Das A und O sind die Geräte und die Weiterbildung. Wir machen eine Anschubfinanzierung, dann läuft das Projekt alleine. Das Wichtige ist einfach, Gymnastiklehrerinnen oder Übungsleiterinnen interessieren zu können, weil wir ohne sie im Vorschulbereich nicht weiterkommen.

Die BQG betreibt seit 1998 auch ein Projekt Behindertensport am Olympiastützpunkt Berlin, wo Rainer Tscharke und ein Masseur beispielgebende Hilfe leisten. Wo ist der Ansatz für die Zukunft?

Manfred Nippe: Wir haben ja in Berlin und im gesamten Bundesgebiet einen eigenen Behindertensport Verband, der teilweise seine Gründungsgeschichte in den Kriegsversehrten des Zweiten Weltkrieges hat. Vom Grunde her ist es aber Aufgabe jedes Sportvereins, Integrationsgruppen zu fördern. Wir wollen das also eigentlich nicht auf den Behindertensport-Verband begrenzen. In der Schule gibt es Integrationsklassen. Und der vom Olympiastützpunkt eingeschlagene Weg der Integration hat auch künftig unsere Unterstützung. Die Erfahrungen von Rainer Tscharke werden wir voll ausschöpfen.

Wäre denn das Projekt "Tscharke" ausbaufähig

Manfred Nippe: Natürlich. Eine weitere Schiene wären die Schulen und der Schulsportunterricht, wäre die Bildung von Integrationsgruppen und die Sonderförderung. An Sonderschulen ist das schon der Fall. Man muss Behinderten, die nicht am normalen Sportunterricht teilnehmen können, ein anderes Sportangebot machen, wenn sie zum Beispiel Handball nicht mitspielen können. Dazu braucht man natürlich zusätzliche Hallenteile. Es gibt indes schon Probleme, dass wir den allgemeinen Schulsport nicht mehr durchführen können.

Aber auch mit Mitteln des BMI  werden die Anlagen des Sportforum in Hohenschönhausen für Millionen rekonstruiert. Das könnten doch auch behindertengerechte Sportanlagen werden?

Manfred Nippe: Was dieses Sportforum angeht, werden sie es wohl machen. Doch ich habe einen anderen Gedanken. Ich glaube, dass es für die Sportlehrerausbildung der Humboldt-Universität nicht ausreicht. Ich bin der Meinung, dass diese Ausbildung auf das Gelände des Olympiastadions gehört, auf das gesamte Reichssportfeld. Es gibt hier tausend Räume, die leer stehen - Hörsäle, Turnhallen, Schwimmhalle.

Was passiert nun mit den Einrichtungen und Anlagen?

Manfred Nippe: Keiner kümmert sich darum. Alles kümmert sich nur um das Stadion. Der Kuppelsaal, die ehemaligen Seminarräume der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, es ist ein riesiges Areal und sehr gut gepflegt. Eine unserer Ideen ist, hier das vierte Sportgymnasium in Berlin unterzubringen.

Es gibt diesbezüglich im Westteil der Stadt ein sehr konservatives Denken. Nicht nur bei den Eltern der Kinder, auch bei den Pädagogen und bei den Politikern.

Manfred Nippe: Es hat sich im Vergleich zu 1990, und das nicht nur in Berlin, geändert. Man denkt wieder klarer und mit mehr Sachlichkeit. Wir brauchen dringend das vierte Sportgymnasium in Berlin.

Sind das Dinge, die in Ihre neue Tätigkeit beim LSB einfließen?

Manfred Nippe: Natürlich. Ich werde mich in die Sportinvestitionsplanung einbringen. Ich werde aber auch darauf achten: Wenn jetzt 81 Schulen im Ostteil der Stadt in den nächsten Monaten geschlossen werden, dürfen die dort vorhandenen Turnhallen dann nicht als Getränke- oder Getreidelager genutzt oder an Immobilienhaie verhökert werden. Man kann einige Schule natürlich einmotten bis in die Region irgendwann mal wieder junge Familien hinziehen werden. Es sind nicht nur Schulen überflüssig. Da die Bezirke für die Immobilien zuständig sind, besteht natürlich auch die Gefahr, dass neben dem eigentlichen Schulgebäude auch Turnhallen und Sportplätze verscherbelt werden. Das wird für mich das erste zu lösende Problem sein, die Sicherung der 81 Turnhallen, deren Schulen geschlossen werden, für den Sportbetrieb der Bürger zu erhalten.

Zurück zum Thema. Die Zukunft des Jugendsports - liegt sie aus Ihrer Sicht ausschließlich bei den Trendsportarten? Was passiert mit Klassikern wie Rudern? Muss man diese nicht bald wie eine behinderte Sportart unterstützen, um ihr aussterben zu verhindern?

Manfred Nippe: Nein. Es ist ja erstaunlich, dass die klassischen Sportarten wieder einen erstaunlichen Zulauf haben. Wenn ich an Fußball denke, auch an die Leichtathletik - und eben auch an die Wassersportarten. Es ist aber immer wieder die Frage, wie lange man trainieren muß, um an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen. Im Rudern kann man nicht als Sechsjähriger anfangen. Wir als SPORT FÜR BERLIN engagieren uns in den Bootshäusern Karolinenhof und Nixenstraße.

Sie sehen demnach keine Gefahr, daß der Trendsport den klassischen Sport kaputt macht?

Manfred Nippe: Im Gegenteil. Es hat noch nie so eine sportfreudige Jugend gegeben wie die dieser Zeit. Ich habe nichts gegen Fun und Action. Aber einige Vereine haben Probleme mit den Sporthoppern. Es gibt junge Leute, die wechseln von einem Verein zum anderen und probieren alles mal aus. Warum eigentlich nicht? Der Leistungssport hat es nur dann schwer, wenn man sich nur schinden muß und es dabei keinen Spaß mehr gibt.

Geht die Entwicklung weg vom Verein hin zum SportJugendClub?

Manfred Nippe: Die SportJugendClubs sind nur ein Scharnier zwischen den nichtvereins- und den vereinsgebundenen Jungen und Mädchen. Sie sind aus meiner Sicht die Vorstufe zum Verein. Die Studien sagen aus, dass der Sport noch nie so beliebt bei den Kindern und Jugendlichen war wie in der jetzigen Zeit, dass sie aber auch in den Vereinen bereit sind, ehrenamtlich mitzuarbeiten. Allerdings nicht in Ämtern, sondern mehr in Funktionen, wo sie direkt mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten. Also als Helfer, als Betreuer, nicht etwa als Kassenwart.

Aber viele Jugendliche zieht es auffallend auch in die SportJugendClubs, die es zum Beispiel im Ostteil der Stadt vor zehn Jahren nicht gab?

Manfred Nippe: ...die gab es aber im Westteil auch nicht. Der erste SportJugendClub ist 1989 am Kottbuser Tor entstanden. Er wurde zu einem Modell in der Sozialarbeit, verstärkt wieder auf den Sport zu setzen. Durch die wissenschaftliche Ausbildung der Sozialarbeiter, die handwerklichen Fähigkeiten, Sport, Musik oder Kunst in die Jugendarbeit zu integrieren. Das war sehr verschüttet gewesen. Um es mal so deutlich zu sagen.

Wieviele SportJugendClubs gibt es heute in Berlin?

Manfred Nippe: Ungefähr 35, dazu gehören aber auch Mädchenzentren, KICK-Projekte gegen Gewalt und Mobile Teams. Und zwar seit 1993, seit dem Projekt des Abgeordnetenhauses Jugend mit Zukunft.

Kommen wir noch einmal auf das Scharnier zu den Vereinen zurück, die die SportJugendClubs sind.

Manfred Nippe: Dort sind es Hauptamtliche, die mit den Jugendlichen arbeiten, in den Vereinen Ehrenamtliche. Die Vereine kooperieren mit ihnen und holen sie in ihre Abteilungen ab. Es gibt kein gegen- sondern ein kooperatives miteinander. Das muss immer die Grundhaltung sein. Im Endeffekt müsste es immer mehr Sport in der Sozialarbeit geben. Die Sozialarbeit in den Vereinen ist ja vorhanden. Viele Übungsleiter sind besser als so mancher Sozialarbeiter.

Wer hatte die Idee bei Jugend mit Zukunft auch stärker auf die Karte Sport zu setzen?

Manfred Nippe: Das Abgeordnetenhaus und die Sportjugend. Da haben wir beide gemeinsam zugepackt. Jugendsenator war damals Thomas Krüger, Jürgen Kleemann war Schulsenator.

Der Berliner Weltschulsport-Gipfel 1999 hat die Defizite des deutschen Schulsystems auch in puncto Sport aufgezeigt. Wie versucht die BQG SPORT FÜR BERLIN dieser Entwicklung entgegenzutreten?

Manfred Nippe: Es gibt eine politische Aussage in Berlin, dass die dritte Sportstunde beibehalten wird. Wir sind also nicht mit Hamburg oder Bayern zu vergleichen. Wir haben seit 1993 auch einen Vertrag über die Zusammenarbeit der Schulen mit den Vereinen. Die auch sehr erfolgreich war und ist. Wir haben seit 1996 ein Aktionsbündnis mit dem Landesschulamt. Die Türen der Schulen sind für die Vereine weit geöffnet.

Ist denn Berlin die blühende Oase in Deutschland und deshalb Gastgeber des Weltschulsport-Gipfels gewesen, deren Ausrichtung und Auswertung SPORT FÜR BERLIN mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern unterstützt?

Manfred Nippe: Im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern ist es die Leibfeindlichkeit der Intellektuellen in Deutschland, wo der Geist immer mehr galt als der Körper. Das kann man seit Rosseau zurückverfolgen und das erleben wir ja täglich, daß die Philologen-Verbände gegen den Sport wettern. Durch die Studie zum Schulsport wird festgestellt, daß Sportler auch die geistig regesten sind, dass einfach die Motorik des Sportunterrichtes im Schulalltag benötigt wird. Auch aus gesundheitspolitischen Gründen. Das ist ein Umdenkprozess. Aber so lange den Eltern eben eine Zwei in Englisch wichtiger erscheint als eine gute Zensur im Sport müssen wir immer wieder darauf hinweisen, dass auch der Körper sein Recht fordert.

Herr Nippe, Sie brauchen in Ihrer neuen Tätigkeit für Ihre neuen Projekte viele gute junge Leute. Nun soll der Fachbereich Sport an der Freien Universität geschlossen werden...

Manfred Nippe: Sie hatte 1500 Studenten, die Humboldt-Universität hat  500. In der Zukunft haben wir vielleicht 700 oder 800. Die Humboldt-Universität hat zum Beispiel erklärt, dass sie kein Interesse am Behindertensport hat. Jetzt muss erst durch staatlichen Druck erreicht werden, dass sie bereit sind, so etwas neu zu eröffnen. Frau Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper, die sich an der FU ja sehr dafür engagierte, müsste nun nach Saarbrücken, Bielefeld oder Paderborn gehen, nur weil man für sie auch als engagierte Weltratspräsidentin und auch der Paralympics keinen Platz mehr hat. Ich kenne sie seit dreißig Jahren. Als kleine Dozentin hat sie damals die ersten Versuche im Behindersport unternommen. Zum Beispiel mit therapeutisch Reiten. Sportjugend mit der FU haben damals einen Film zusammen gedreht . Es hat zwanzig Jahre gedauert, bis sie mit ihrem Spezialgebiet Professorin geworden ist.

Nach der Wende hat Sie sich an der DHfK in Leipzig beworben, man hat dort jedoch einen Kölner genommen...

Manfred Nippe: Das ist ja die große Frage, wieso man die DHfK der Universität Leipzig angegliedert hat. Ich kenne viele kluge Leute, die sagen, dass das ein großer Fehler war. Und wenn ich noch an etwas anderes erinnern darf. Im Einigungsvertrag fehlen zwei kleine Wörter: Behindertensport und der Sport an den Universitäten, aber auch der gesamte Bereich der Gesundheitserziehung. Alle sportmedizinischen Beratungsstellen in Ost-Berlin sind zum Gesundheitswesen gegangen. Wären sie im Einigungsvertrag enthalten, hätten wir heute die tollsten Zentren in Berlin. Mit Ausnahme von Kreischa und der FES-Forschungsstelle ist doch alles weggegangen.

Aber das war doch gewollt?

Manfred Nippe: Das sind ideologische Geschichten.  Die Sportmedizin stand einzig unter dem Dopingvorwurf, die DHfK war die Konkurrenz für Köln  wie auch viele Trainer in den verbänden. Und, und, und...

Berlin, im März 2000             Interview: Peter Herrmann, Hans-Jürgen Zeume