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Graffiti – mal so und mal so
D ie Barther Straße in Berlin-Hohenschönhausen ist eine ruhige, kleine Seitenstraße. Das letzte Gebäude auf der linken Straßenseite mit der Hausnummer 29 fällt insofern „aus der Rolle“, da es im Gegensatz zur Nachbarschaft nur eingeschossig ist. Die Außenwände, an vielen Stellen mit mehr oder weniger gekonnten Graffitis besprüht, verraten dem neugierigen Besucher kaum etwas über das Innenleben des Gebäudes. Hausherr Jörg Weise, der seit der Eröffnung des SportJugendClubs Hohenschönhausen, und um den handelt es sich nämlich, Chef der Einrichtung ist, strahlt Ruhe, Gelassenheit, aber auch Durchsetzungsvermögen und Entscheidungsfreudigkeit aus. Zwischen 80 und 100 Kinder und Jugendliche drücken montags bis freitags die Türklinke des Klubs. Die ersten Gäste kommen mittags gegen 13 Uhr. Sie sind Schüler in der unmittelbaren Nachbarschaft befindlichen Grundschule. Die Angebote des Klubs reizen viele der Mädchen und Jungen mehr als der Schulhort mit seiner Verpflichtung, Hausaufgaben zu machen. Jörg Weise ist sich dieser Konfliktsituation bewusst. Und in enger Zusammenarbeit mit dem Schulleiter und den Hortnerinnen ist gesichert, dass die Aktivitäten im Klub nicht als Ausrede für vernachlässigte Lernergebnisse herhalten können. D ie Angebote des Klubs sind vielfältig, reichen von Billard und Tischtennis, Dart und Bowling, Steppaerobic, Bogenschießen bis zu Streetball, Streettennis und Streetsoccer. Auch wer willens ist, etwas für seine körperliche Fitness zu tun, wird im SJC fündig. Da stört es auch kaum, wenn die im Fitnessraum aufgestellten Geräte mit zum Teil verklemmte Bowdenzügen nicht mehr der neueste Schrei sind. In den zwölf Jahren seit der Eröffnung hat Jörg Weise wie er es nennt, verschiedene Generationen als Gast im Klub begrüßen können. Anfangs, so berichtet er, waren es vor allem deutsche Kinder und Jugendliche, die aus den umliegenden Häusern und Straßen den Weg in den Klub fanden. Dass die Auswirkungen internationaler Konflikte bis nach Hohenschönhausen spürbar werden, bekamen Jörg Weise und seine Mitarbeiterin Silke Kolb, von Beruf Erzieherin, Mitte der neunziger Jahre zu spüren. Der Balkankrieg sorgte dafür, dass plötzlich Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Republiken Ex-Jugoslawiens die Angebote des Klubs wahrnahmen. Die nächste Generation Besucher waren Spätaussiedler aus Kasachstan und Russland. Die Nationalitätenpalette wuchs, als Vietnamesen und Kosovo-Albaner sich den Klub als Heimstatt auserwählten. „Seit wenigen Wochen haben wir hier auch den ersten Türken“, erzählt Jörg Weise. Er würdigt diesen Fakt vor allem deshalb, weil es die in Hohenschönhausen vorhandenen rechten Cliquen überhaupt nicht mögen, wenn Immigranten im Bezirk heimisch werden. Interessant ist die Erkenntnis, die der erfahrene Sportpädagoge aus dem Alltag des Klublebens zieht: „Nur in der Gruppe finden die Jugendlichen zur Nationalität.“ Mit anderen Worten heisst das, als Individuum verträgt sich fast jeder mit jedem. Stress entsteht meist nur dann, wenn zwei oder mehrere Gruppen aufeinander stossen. Doch im Klub gibt es feste Regeln: Nikotin, Messer, Drogen, Waffen, aber auch Eddings haben in den Räumen nichts verloren. Und wer Stress macht, der fliegt raus. Eine mögliche Rückkehr muss er sich verdienen, beispielsweise durch Arbeitseinsätze und beim Verkauf von Imbiss und Getränken bei Klubveranstaltungen. „Berühmt“ gemacht hat sich der SJC Hohenschönhausen mit seinen seit einigen Jahre n ausgetragenen Fußball-Nächten. Bis zu 20 Mannschaften kämpfen dabei zwischen 22 Uhr und 3 Uhr morgens um den Sieger. Teilnahme ist nur per Einladung möglich. Alkohol ist verboten, stattdessen gibt es außer Wasser und Softdrinks, gegrilltes Hähnchen oder anderen Imbiss. Das Nichtbeherrschen der deutschen Sprache stellt für einen Großteil der Jugendlichen, die sich im Klub einfinden, eine prekäre Situation dar. Die Chancen für einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz sind unter dieser Voraussetzung minimal. Gern helfen Jörg Weise oder Silke Kobs, wenn es um das Ausfüllen von Anträgen geht (Wohnungssuche, Telefonanmeldung, Sozialhilfe usw.). Mehr aber können Sie in dieser Hinsicht nicht tun. Was ihnen aber möglich ist, ist die Vermittlung von sportlich Interessierten an einzelne Sportvereine, mit denen der Klub Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen hat. Judo, Bogenschießen, Fußball, Handball sind im Angebot. Das Hineinwachsen in ein solches Team hat nicht wenigen Immigranten geholfen, sich auch in der deutschen Sprache besser zurechtzufinden. Abschließend noch ein Rückblick auf die Eingangsbemerkung von „mehr oder weniger gekonnten Graffiti“. Einer der ersten Sprayer studierte später an einer Fachschule und arbeitet heute als freier Künstler. Eines seiner Produkte ist der Entwurf des Sixpack von Berliner Pilsener. Übrigens, die BQG „Sport für Berlin“ ist bei den Verantwortlichen des Sportjugendclubs nicht unbekannt. Im Gegenteil, dank der Vermittlung von ABM- bzw. MAE-Mitarbeitern hilft sie mit, die Betreuung der Klubbesucher abzusichern.
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