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SPORT FÜR BERLIN
gemeinnützige Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft des Landessportbundes Berlin e.V.

Glatzenpflege auf Staatskosten?

Ein Besuch im SportJugendClub Berlin-Lichtenberg
Der Hinweis ist klein und kaum auf der Fassade des mit Graffiti bemalten Hauses zu entdecken: „Sportjugendclub 276“. Es gibt keine Informationen über Öffnungszeiten, keine Details über das, was in dem Haus vom Keller bis zum Dachgeschoss angeboten wird. Im Berliner Problembezirk Lichtenberg, wo die NPD bei den letzten Wahlen mit drei Abgeordneten ins Bezirksparlament einziehen konnte, aber hat sich der Standort des Sportjugendclubs herumgesprochen, vor allem unter jungen Rechten. Von Montag bis Freitag zwischen 11 und 21 Uhr sind die Türen geöffnet.
Dr. Peter Steger, der den Klub seit dem Jahr 1991 leitet, war in seinem ersten Berufsleben in leitender Funktion im Staatssekretariat für Körperkultur und Sport der ehemaligen DDR tätig. Vorrangig hatte er sich dort um leistungssportliche Aspekte gekümmert. Darüber hinaus aber widmete er sich im DDR-Fußballverband der Fan-Kultur und deren Auswüchsen. Diese sozialpädagogischen Erfahrungen waren es auch, die ihn nach der im Zuge der Wiedervereinigung erfolgten Auflösung des Staatssekretariats zur Berliner Sportjugend brachten. Im ehemaligen Ostteil der Hauptstadt hatte der Zusammenbruch der sozialistischen Idee vor allem bei der jungen Generation zu Leere und Hoffnungslosigkeit geführt. Der in Westberlin zu jener Zeit bereits an mehreren Orten praktizierte Gedanke, Jugendliche durch interessante Sportangebote von der Straße wegzulocken, ihrem Leben Sinn und Inhalt zu geben, gefiel ihm. Warum sollte es nicht möglich sein, mit dieser Idee auch im Osten Erfolg zu haben?
Vorrangig dachte Dr. Steger zu jener Zeit – Beginn der neunziger Jahre – an arbeitslose, obdachlose Jugendliche, an Drogenabhängige, an straffällig Gewordene. Im dem Maße aber, wie der Kiez rund um den Bahnhof Berlin-Lichtenberg und die Weitlingstraße in die Hände von Rechten und Neonazis fiel, wie in Rostock, Lübeck, Mölln oder Hoyerswerda Jagd auf Ausländer gemacht wurde, sahen sich Peter Steger und seine drei ABM-Mitarbeiter gezwungen, andere Prioritäten zu setzen.
Glatzenpflege auf Staatskosten? Die richtige, passende Antwort auf diese Frage zu finden, stand für Peter Steger und sein Team seither nahezu täglich als Aufgabe. Mehr als 150 Jugendliche fast ausschließlich männlichen Geschlechts, deren politische Ausrichtung eindeutig rechtslastig war, fanden in den zurückliegenden fünfzehn Jahren den Weg in den Sportjugendclub. Die Möglichkeiten zum Fußball spielen oder Klettern lockten die jungen Leute an. Doch es war bei weitem nicht nur der Sport, der die Stunden ausfüllte. Politische Diskussionen, z.B. „Tattoos und deutsche Kultur“, „Was ist deutsche Klassik“ oder „deutsche Geschichte und deren Helden“, aber auch eine Vielzahl von Exkursionen (vom ehemaligen Raketengelände in Peenemünde bis zum KZ-Besuch in Buchenwald) füllten die Stunden und Tage, die die jungen Leute im Klub und mit dessen Mitarbeitern verbrachten. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass sich die Jugendlichen alle Räume im Hause selbst ausgestaltet haben: PC und Internet, Fernseher und Billardtisch, Kraftraum und Klubzimmer, Küche und Dachboden. Auf drei Grundprinzipien hat man sich geeinigt: Keine Waffen, keine rechte Musik, keine Rekrutierung neuer Mitglieder. Zur parallelen Betreuung von maximal zwei Cliquen reichte die Kraft der Mitarbeiter des SportJugendClubs.
Der Stolz ist aus den Worten von Peter Steger nicht zu überhören, wenn er berichtet, wie es Ende der neunziger Jahre gelungen ist, die Neonazis vom Anton-Saefkow-Platz in seinen Klub zu lotsen. Bei weitem nicht alle der Rechten fühlen sich in der Situation wohl, von der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung abgewiesen zu werden. Sie stört das Looser-Image, sie suchen nach Anerkennung, Verständnis. In Diskussionen mit ihnen sie auf die Unlogik vieler ihrer Argumente und politischen Ansichten hinzuweisen, ist die eine Seite der Arbeit des Sportjugendclubs. Eine viel größere Wirkung aber, so sagte Peter Steger, haben konkrete Erlebnisse. Beim Fußballspiel mit Russlanddeutschen beispielsweise gibt es nach dem Spiel zwar keine Verbrüderung. Aber man reicht sich die Hände.
Im Laufe der Zeit zerbröseln die einzelnen Cliquen – ein Job außerhalb, Ehe und Kinder, Interessenwandel – tragen dazu bei. Um die bisher erreichten Erfolge fortzusetzen, ist eine langfristige Arbeit mit den Problemgruppen notwendig. Deshalb versucht Dr. Steger mit seinen heute nur noch zwei Mitstreiterinnen, die jeweils nur eine halbe Stelle besitzen, mit Unterstützung der Schulverwaltung Dreizehn-, Vierzehnjährige in den Klub „zu locken“. Eine neue Aufgabe, und da kehrt er fast in sein erste Berufsleben zurück, sieht Dr. Steger in der Arbeit mit Hools des BFC Dynamo.
Peter Herrmann

 

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